Eine Geschichte des Internet


© Heimo Ponnath, Mai 1998

Die beste Beschreibung für das Internet ist die des organisierten Chaos: Es gibt keine Zentrale, niemand steuert das Netz. Nach wie vor besteht es aus einer großen Anzahl von verschiedenartigen Netzwerken, die durch die freie Übereinkunft über ein gemeinsames Kommunikationsprotokoll und eine eindeutige Adressenstruktur miteinander in Verbindung stehen.

Die Ursprünge des Internet

IBM 1401 (ca.1965)Manchmal wenn ich mein Farbnotebook unter den Arm klemme, ertappe ich mich bei Vergleichen: Dieses kleine Gerät enthält eine zehnmal größere Festplatte und einen 256-mal so großen Arbeitsspeicher - die Rechenleistung beträgt sogar mindestens das 40000-fache - als der erste Computer auf dem ich programmieren lernte! Das war ein IBM 1401 System und 1965 füllte solch eine Computeranlage ein ganzes, vollklimatisiertes Stockwerk. Sie kostete ca. 70.000,- DM MONATSMIETE!

Es ist verständlich, daß bei diesen Preisen Rechnerzeit etwas sehr kostbares war. Totzeiten konnte man sich hier nicht leisten: So kamen schon bei dieser Rechnergeneration die Betreiber auf die Idee, freie Kapazitäten zu vermieten.

Die Steuerung der Giganten geschah vor allem durch Lochkarten oder -streifen. Die einzelnen System-Bestandteile (Kartenleser, Magnetbandspeicher, Rechenwerk, Drucker, etc.) waren natürlich durch Kabel verbunden, durch die die Datenströme gesandt wurden. Einen Betriebssystem-Standard gab es nicht: Jeder Hersteller verwendete sein eigenes System, das durch die Programmierer vor Ort noch durch allerlei Unterprogramme erweitert wurde.

Bequemer wurde das Mitbenutzen von Computern in den späten sechziger Jahren: Immer häufiger dienten dann auch Fernschreiber (Teletypes, daher TTY) zur Ein- oder Ausgabe kleinerer Rechenjobs. Die Fernschreiber waren durch Standleitungen mit dem Rechner verbunden und dem Bedarf entsprechend über das Gelände des Betreibers verteilt. Zur Benutzung des Computers hatte man sich einzuloggen: Ein Betriebssystem wachte dann darüber, daß alles mit rechten Dingen zuging und sich die einzelnen Benutzer eines solchen Timesharing-Betriebs nicht in die Quere kamen.

UNIX war eines dieser Betriebssysteme. Es wurde 1969 von den Bell Laboratories entwickelt und verbreitete sich schnell vor allem an Hochschulen und Forschungsinstituten. Diese Institutionen erhielten den Quellcode kostenlos und dort wurde dann auch bald der Leistungsumfang des Betriebssystems stark erweitert.

Paul BaranErste Seite von Barans VeröffentlichungDer Datenfluß in diesen ersten lokalen Netzen (zwischen TTY und Computer, seltener zwischen Computern) geschah nach einem ähnlichen Prinzip wie eine Telefonverbindung: Eine Leitung war vom Anfang der Sitzung bis zum Ende aktiv und übermittelte einen kontinuierlichen Datenstrom (ähnlich wie beim Datenverkehr mit anderer Peripherie). Diese Art der Datenübertragung ist sehr störanfällig. Schon 1964 veröffentlichte daher Paul Baran von der RAND-Corporation seine Idee von der Übertragung in Datenpakteten, die einerseits Redundanz ermöglichen, andererseits das Leitungsnetz entlasten. Beide Aspekte führen zu erheblich größerer Sicherheit der Datenübertragung. Schon 1968 wurde das erste Netz mit dieser Technik bei den National Physical Laboratories (NPL) in Großbritannien betrieben.

Etwas Netzgeschichte

Forschung aus Militärbudgets hat in den USA eine lange Tradition. Das berühmteste Beispiel war das "Manhattan Engineer District"-Projekt, gegründet am 16.August 1942 zur Entwicklung und zum Bau der Atombombe. Nicht immer hatten die Themen einen direkten militärischen Bezug, auch viel Grundlagenforschung wurde aus militärischen Quellen gefördert.

Nachdem 1957 der sowjetische Satellit Sputnik erfolgreich die Erde umkreist hatte, startete die Regierung Eisenhower die Advanced Research Projects Agency (ARPA) zur Koordinierung der Forschung. Nach und nach wurde an den daran beteiligten Instituten der Ruf nach Computern immer lauter: Die hohen Kosten und Überlegungen zur Auslastung der bestehenden Systeme führten schließlich 1968 zur Gründung des ARPANET. Durch Fernverbindungen (mit Telnet = Fernbedienung von Computern über Datenleitungen) zu Computerzentren sollten die Wissenschaftler effektiver Rechenzeit nutzen können. Das ARPANET war von Anfang an auf die Packet Switching Technologie (also die Verwendung von Datenpaketen) ausgelegt.

ARPASchon 1969 fing der erste ARPANET-Knoten an der Universität von Californien in Los Angeles (UCLA) an zu arbeiten, mit dem drei weitere Institutionen, die Universität von Utah, die Universität von Californien in Santa Barbara und das Stanford Research Institut (SRA) verbunden waren. Dies ist die Urzelle des Internet. 1972 war diese Zelle schon auf 50 Forschungseinrichtungen - alle arbeiteten an ARPA-Projekten - angewachsen.

Jede dieser Institutionen hatte natürlich zu der Zeit des Zusammenschlusses schon ein eigenes Netz - etwa in dem Sinn, wie zu Anfang dieses Artikels vorgestellt - mit jeweils ganz individueller Struktur. UNIX breitete sich zwar als Betriebssystem allmählich aus und erleichterte die Kommunikation, dennoch war es keine einfache Aufgabe, den Datenverkehr zwischen (INTER) den Netzen (NET) reibungslos zu organisieren. Neben der ersten Anwendung des ARPANET - Telnet - entstand 1972 auch der FTP-Dienst (File Transfer Protocol zur Übertragung von Dateien) und Ray Tomlinson (von Bolt, Beranek and Newman in Cambridge, USA) entwickelte das erste E-Mail-Programm.

Vinton G. CerfRobert Kahn1976 verbreiteten sich - manchmal gegen den Widerstand der System-Administratoren - die ersten Mail-Listen. Ein Jahr später wurde die erste Form des heutigen Internet-Protokolls (TCP/IP, TCP = Transmission Control Protocol zur sicheren Datenübertragung, IP = Internet Protocol zur fehlerfreien Übertragung zwischen verschiedenen Netzwerken) u.a. von Vinton G. Cerf, Robert Kahn und Louis Pouzin entwickelt und probeweise eingesetzt. Die AT&T Bell Laboratories ergänzten 1978 das Betriebssystem UNIX um UUCP (UNIX to UNIX CoPy), ein Protokoll zur Übermittlung von Daten über Telefonverbindungen. Gerade rechtzeitig für das 1979 von Tom Truscott und Steve Bellovin erfundene USENET (Users Network), in dem dieses Protokoll verwendet wurde.

Tom TruscottDie USENET Newsgroups hatten für ihre Entstehung zwei Gründe: Zum einen bestand auch außerhalb des - recht exklusiven - ARPANET ein immer drängenderer Bedarf an Informationsaustausch - der hier vor allem mit 300bps Modems realisiert wurde. Zum anderen sollten damit die Mail-Lists entlastet werden: Hier muß nämlich an jedes Mitglied der Liste E-Mail mit den Nachrichten versandt werden, während in den USENET Newsgroups nur jeweils ein Computer pro Netz eine Kopie erhalten muß. 1981 entstand ein weiteres - schon weltweit arbeitendes - Netzwerk mit dem BITNET (Because Ist Time Network = Weil es an der Zeit ist - Netzwerk). Während das ARPANET damals mit 56Kbps-Leitungen versehen war, arbeitete das BITNET vor allem mit angemieteten 9600bps Verbindungen. Und es verwendete ein Protokoll namens Network Job Entry (NJE), das eine Lochkartenein- und -ausgabe emulierte.

Peter CollinsonAuch in Europa wurde der Bedarf an einem Netzwerk spürbar. Teus Hagen, Peter Collinson und Keld Simonsen gründeten 1982 beim April-Treffen der EUUG (European UNIX User’s Group) das EUnet (European UNIX Network), das seinen Mitgliedern mittels UUCP den E-Mail-Austausch und Newgroups bot.

Der 1.Januar 1983 wird von vielen als die eigentliche Geburtsstunde des Internet angesehen: Zu diesem Stichtag hat das ARPANET verbindlich für alle (damals ca. 388) Hosts das netzeübergreifende Protokoll TCP/IP eingeführt. Parallel dazu machte sich der militärische Teil des ARPANET als MILNET selbständig, blieb aber in Verbindung mit dem Forschungsnetz. Im gleichen Jahr brachte die Universität von Kalifornien in Berkeley die UNIX-Version 4.2 BSD heraus, in der auch TCP/IP integriert war. Rick Adams implementierte ein Jahr später noch SLIP (Serial Line IP) für den seriellen Anschluß an das Netz. Das European Academic and Research Network (EARN) und das FidoNet wurden eingerichtet.

Paul Mockapetris stellte 1984 ein weiteres wichtiges Charakteristikum des Internet vor: Das Domain Name System (DNS), welches jedem Computer im Netz eine eindeutige Adresse zuteilt und dennoch große Freiheit bei der Namensvergabe erlaubt. Es dauerte etwa vier Jahre, bis alle Netzteilnehmer mit diesem System arbeiteten. 1985 begann die National Science Foundation (NSF) mit der Unterstützung von fünf Supercomputer-Zentren, mehrerer regionaler Netzwerke und dem Aufbau eines nationalen NSFNET Backbones (ein Backbone ist eine Art Sammel-Leitung), der 1986 als 56Kbps Leitung eine wichtige Rolle für das Internet/ARPANET übernahm. Im gleichen Jahr stellten Brian Kantor und Phil Lapsley das Network News Transfer Protokoll (NNTP) vor, das bis heute die Nachrichtenübertragung der Newsgroups steuert.

Von 1988 an wurde das Wachstum des Internet exponentiell. Das lag unter anderem daran, daß das NSFNET eine Hochleistungsverbindung eröffnete, die - als T1-Backbone bezeichnet - per Glasfaserkabel Datenraten von 1,544 Mbps erlaubte. Auch die Gefahren des Internet wurden in diesem Jahr deutlich: Der Morris-Wurm verbreitete sich im Netz und sorgte für weltweites Aufsehen: Robert T. Morris, ein Student an der Cornell Universität in Ithaca N.Y., startete am 2.11.1988 um 8 Uhr abends ein Programm, das eine Reihe von Lücken im Betriebssystem UNIX dazu nutzte, sich auf Computern im Internet zu reproduzieren. Ein Fehler in seinem Programm sorgte allerdings dafür, daß die Nachkommenschaft dieses "Wurms" so zahlreich wurde, daß schon wenige Stunden danach tausende von Computern lahmgelegt waren.

Alan EmtageBrewster Kahle1989 wurde zur Koordinierung von IP-Netzen (also Netzen mit dem Internet Protokoll) in Europa RIPE (Resaux IP Europeens) gegründet. D.Perkins stellte den Entwurf eines neuen Standards zur Einbindung von Computern vor, die über einen seriellen Anschluß mit dem Internet verbunden sind: PPP (Point to Point Protocol) soll das ältere SLIP ablösen. 1990 begann das NFSNET mit der Einbindung eines T3-Backbone für die Datenrate von 45Mbps (1992 fertiggestellt), die ARPANET-Institution wurde aufgelöst, Archie (entwickelt von Alan Emtage und Peter Deutsch von der McGill Universität in Montreal zur Suche nach dem Ort von Dateien) und WAIS (Wide Area Information Servers zur netzübergreifenden, menüorientierten Dateiensuche, erstellt von Brewster Kahle, der von Thinking Machines unterstützt wurde) begannen als Recherche-Instrumente ihren Siegeszug..

Die Europäer, die schon lange des Wartens auf die OSI-Protokolle (Open Systems Interconnection, Protokollsammlung zur Kommunikation zwischen verschiedenen Computersystemen, an der von der ISO, der Internationalen Standard Organisation, schon seit Jahrzehnten gearbeitet wird) müde geworden waren, schwenkten in großer Anzahl über auf TCP/IP und bewirkten 1991 ein Wachstum des Internet in Europa um den Faktor vier. Außerdem begann die EBONE-Initiative unabhängig von Regierungen mit der Planung eines europäischen leistungsstarken Internet-Backbone, der schon ein Jahr später in Betrieb genommen wurde. Paul Lindner und Mark P. McCahill von der Universität von Minnesota entwickelten Gopher als ein menuegesteuertes, protokollübergreifendes Internet-Rechercheutensil, das 1992 einen Spitzenplatz im Internet-Datenverkehr errang.

Tim Berners-LeeAber dieser Spitzenplatz geriet bald in Gefahr: Tim Berners-Lee und andere Mitarbeiter bei CERN (dem europäischen Zentrum für Nuklearforschung) erfanden 1992 das World Wide Web zum Hypertextsuche im gesamten Internet. Eine Hypertext-Seite im WWW enthält markierte Passagen, deren Auswahl (z.B. durch Anklicken mit der Maus) sofort zur Verbindung mit anderen Informationen führt, die auf weltweit verstreuten Rechnern liegen kann. Schon Anfang 1993 wurde die erste Fassung des WWW-Browsers Mosaic herausgegeben, der sowohl die Protokolle des WWW, als auch die von Gopher, FTP und andere beherrschte - und das gleich auf verschiedenen Rechnerplattformen (von UNIX über Macintosh bis Windows und DOS).

Wachstum des Internet

Vorausgesetzt, das Wachstum des Internet ginge ungehindert so weiter wie in den letzten Jahren, dann hätte spätestens 2003 jeder Mensch auf unserem Planeten einen Anschluß ans Netz. Allein die Zahl der Internet-Hosts (auf jeden Host kommen durchschnittlich sieben bis acht Computer) erreichte weltweit im Januar dieses Jahres eine Zahl von über 25.000.000 - bei einem durchschnittlichen Wachstum von mehr als 100% pro Jahr .

Verteilung des Internet in der Welt

© Text: Heimo Ponnath, Bilder: Diverse Quellen

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