Unsere Arbeitswelt befindet sich im Wandel: Kosten- und Effektivitätsanalysen stellen althergebrachte Formen von Arbeit und Firmenorganisation in Frage. Outsourcing-Maßnahmen verlagern Aktivitäten aus einer Firma heraus, bis oft nur noch ein zentraler Rumpf übrigbleibt - und manchmal nicht einmal mehr dieser, wie bei Virtual Corporations. Parallel zu diesen Entwicklungen breitet sich der ortsunabhängige dezentrale Arbeitsplatz per Computer und Kommunikation mehr und mehr aus.

Telearbeit auf dem Information Highway


© Heimo Ponnath, Funkschau 21(1994)


Die allmorgendlichen Staumeldungen im Radio kann Robert K. in aller Ruhe beim ausgiebigen Frühstück auf der Terasse seines Hauses in einem grünen Vorort Hamburgs überhören: Sein Weg zur Arbeit beträgt nur wenige Sekunden. Der 42 jährige Programmierer schaltet im Arbeitszimmer Computer und Modem ein und beginnt nach wenigen Augenblicken damit, die Filereste des Vortages in seinem Bereich des Firmenservers aufzuräumen. Die Firma befindet sich in Wiesbaden und sieben seiner Teamkollegen wohnen über das ganze Bundesgebiet verstreut. Wie Robert K. sind sie Tele-Arbeiter.

Telearbeit ist der Begriff, der sich im deutschen Sprachraum für diese spezielle Form der Arbeit durchsetzt. In den USA wird das vergleichbare Wort "Teleworking" selten gebraucht. Hier verwendet man eher das Kunstwort "Telecommuting": Tele + Computing + Communication. Es drückt recht genau aus, was eigentlich gemeint ist: Etwa 60% der Arbeit bestehen heute aus der Verarbeitung von Informationen - meist per Computer: Rohdaten werden eingespeist, dann irgendwie aufbereitet und die Ergebnisse dem Auftraggeber mitgeteilt. Diese Schritte Communication - Computing - Communication spielen sich in Firmen meist per LAN ab, über ein lokales Netz von Firmencomputern. Überregionale Firmen bauten ihre Netze bald zu WANs aus, Wide Area Networks, zu deutsch Fernnetze, um die Daten von Filialen zu integrieren. Schon bald kamen Angestellte wie Robert K. daher auf die Idee, daß es im Prinzip gleichgültig ist, wo der Schreibtisch mit dem Computer steht: Die Kommunikation aus dem Nachbarzimmer per LAN verläuft nahezu mit der gleichen Geschwindigkeit wie die per Datenleitung aus der Nachbarstadt, dem Nachbarland, einem anderen Kontinent.


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Steigender Trend

Verläßliche Zahlen zu dieser neuen Form der Arbeit sind in Deutschland nicht zu erhalten. Es gibt kein Umfragematerial dazu. Beim Bundesarbeitsamt weiß man lediglich, daß ca. 20.000 Personen nach dem Heimarbeitergesetz registriert sind - darunter fallen dann aber auch viele, die noch nie einen Computer gesehen haben und es fehlen andererseits viele, die nicht meldepflichtig sind wie Freiberufler, Selbständige etc. Aus den Vereinigten Staaten liegen einige Umfrageergebnisse vor: Die Link Resources Corp. (New York) berichtet von 7,6 Millionen Amerikanern, die "telecommuten". Andere Quellen zählen 9 Millionen. Nach Jack Nilles, Präsident des Telecommunications Advisory Council und in den 70ern Schöpfer des Wortes "Telecommuting", steigt seit den frühen 80er Jahren der Anteil von Telearbeitern um etwa 20% pro Jahr. Das Work from Home Forum in CompuServe - ein Forum, das sich ausschließlich mit den Fragen der Telearbeit auseinandersetzt - zählt 50.000 Mitglieder, von denen sich der größte Anteil aus den USA und Kanada rekrutiert.

Rechnet man die amerikanischen Verhältnisse auf den deutschen Arbeitsmarkt um, dann ergäben sich mehr als 2 Millionen Telearbeiter - eine Zahl, die sicherlich viel zu hoch ist: Datenkommunikation war in Deutschland wegen der restriktiven Politik der Bundespost/Telekom bis vor kurzem etwas für Eliten und auch heute noch bildet es eher den Ausnahmefall, daß hier z.B. ein Student den Vorlesungsplan seiner Hochschule per DFÜ abrufen kann - in den USA nichts ungewöhnliches. Erst wenn sich auch bei uns die Vorstellung durchgesetzt hat, daß zu jedem Computer ein Modem gehört, wird sich das Bewußtsein für die Möglichkeiten zur Kommunikation damit voll ausbilden.


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Rechtsformen der Telearbeit

Robert K. ist Angestellter seiner Firma in Wiesbaden. Nach einer Studie des IZT (Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung) in Berlin handelt es sich bei dieser Form der Telearbeit um eine eher sekundäre Entwicklung in Firmen. Offenbar gibt es gegenüber den eigenen Angestellten Mißtrauen. Carol Sladek, Beraterin bei Hewitt Associates in einem Interview des Boston Globe: "Der Trend (zur Telearbeit von Angestellten) wächst, aber viele Firmen sind argwönisch. Man empfindet allgemein: Wenn wir Dich nicht sehen, wirst Du auch nicht arbeiten." Und auch die Gewerkschaften stehen der Telearbeit von Angestellten eher vorsichtig gegenüber: Sie geben versteckte Kosten für den Angestellten zu bedenken, wie Strom, Versicherungen für das Büro und die Geräte oder einfach vermehrte Babysitting-Kosten.

Downsizing und Outsourcing als Trends in den befragten Firmen stellt die IZT-Studie fest: Die Reduktion von Firmenaktivitäten auf das wesentliche und - damit verbunden - die Auslagerung von Arbeiten. Andererseits möchten und können viele Firmen nicht auf die Fähigkeiten von Fachleuten verzichten. Und hier scheint - nach den amerikanischen Untersuchungen - ein großes Potential für Telearbeit zu liegen. Freiberufler, Selbständige und Subunternehmer können auf diese Weise in einer Vielzahl von Tätigkeiten einen wachsenden Arbeitsmarkt besetzen. Im Work from Home Forum sind es vor allem diese kleinen Büros, besetzt mit Einzelpersonen oder einer Familie, die sich austauschen, Hilfen erhalten und geben. Da geht es dann um die Höhe von Honoraren oder Stundensätzen für bestimmte Arbeiten, um die optimale Hard- und Software-Ausstattung, um die Akquisition von Neukunden, etc.

Eine interessante Erscheinungsform der Telearbeit ist die Virtual Corporation. Es handelt sich dabei um einen losen Verbund von Telearbeitern, die an einem gemeinsamen Projekt beteiligt sind. Man stelle sich vor: Eine Gruppe von z.B. fünf Personen, verstreut über alle Erdteile, verbunden per Telekommunikation, ohne Firmensitz, Verwaltung etc. In den USA haben sich solche Virtual Corporations als sehr effektiv erwiesen.


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Telearbeit: Was tun?

Zur Telearbeit eignen sich vor allem Tätigkeitsfelder, die mit der Verarbeitung (aber auch dem Beschaffen und Verbreiten) von Informationen zusammenhängen. Berufe, die die konkrete Verarbeitung von Materialen oder den direkten physischen Personenkontakt erfordern, scheiden von vornherein aus. Andere Tätigkeiten sind eng mit Teamarbeit und dauernder Erreichbarkeit verbunden. Hier ist es von Fall zu Fall sicher möglich, anstelle der physischen Anwesenheit einen Fernkontakt per Telefon, Fax oder Videokonferenz treten zu lassen. Die Erfahrung lehrt, daß z.B. ein freier Fachjournalist mindestens zwei- bis dreimal pro Jahr die Redaktionen, für die er arbeitet, besuchen sollte: Trotz aller Möglichkeiten des Fernkontakts ist das persönliche Gespräch unter vier Augen wichtig.

Welche Arbeitsfelder sind für Telearbeit geeignet? Paul und Sarah Edwards, System Operatoren im Work from Home Forum, veröffentlichen von Zeit zu Zeit eine Liste (und diverse Bücher) zu diesem Thema. Aus den fast 100 aufgezählten Tätigkeiten seien hier einige erwähnt:

Ebenfalls von Sarah und Paul Edwards stammt ein Fragenkatalog, der dem potentiellen Telearbeiter helfen soll, Klarheit über sein Projekt zu bekommen. Hier die 15 Fragen in Kurzfassung (ausführlicher sind sie in der Bibliothek des Work from Home Forum zu finden):

  1. In welchen drei Bereichen kennen Sie sich am besten aus?
  2. Welcher Teil Ihres Hintergrundes läßt sich zu einem Geschäft machen?
  3. Welche drei Bereiche machen Ihnen am meisten Spaß?
  4. In welchem Ausmaß möchten Sie mit Menschen umgehen?
  5. Soll es ein Vollzeit- oder ein Teilzeit-Geschäft werden?
  6. Wieviele Wochenstunden sind Sie bereit in Ihr Unternehmen zu inverstieren?
  7. Wieviel Geld müssen/möchten Sie verdienen?
  8. Welche Resourcen stehen Ihnen zur Verfügung: Geld, Ausrüstung, Know-how?
  9. Wie wichtig ist Ihnen Ihr Image?
  10. Welches Risiko möchten Sie auf sich nehmen?
  11. Möchten Sie und können Sie auf die Hilfe anderer Personen (auch aus der Familie) zählen?
  12. Wird jemand bereit sein, Geld zu zahlen für Ihr Produkt oder Ihren Dienst ?
  13. Wie ist der Wettbewerb für Ihr Produkt/Ihren Dienst? Was machen Sie besser als die anderen?
  14. Wie groß ist der Markt? Wird es genug Abnehmer für Ihr Produkt/Ihren Dienst geben?
  15. Brauchen Sie dazu eine spezielle Lizenz oder Ausbildung?

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Voraussetzungen für Telearbeit

Welche Voraussetzungen muß man erfüllen, um Telearbeit effektiv machen zu können? Es sind sowohl persönliche als auch technische Grundlagen zu beachten. Wie aus der Fragenliste schon hervorgeht, spielen besondere, möglichst vermarktbare Fähigkeiten eine wichtige Rolle. Damit ist aber nicht nur elitäres Wissen gemeint, sondern auch Kreativität und die Gabe, Ideen in die Realität umzusetzen. Tatsächlich läßt sich fast aus jeder zündenden Idee - richtig angepackt - ein Geschäft machen.

Zu den persönlichen Vorausetzungen gehören aber auch scheinbar triviale Aspekte: Wie überwinde ich den inneren Schweinehund, der mich ständig mit Ablenkungen vom Schreibtisch holt? Im Work from Home Forum ist diese Frage häufig ein Diskussionsthema, denn jede Ablenkung kostet ein Schnipsel Zeit und am Ende eines Tages bilden diese Schnipsel unerwartet ganze Stunden ohne Arbeit. In diesen Bereich - ebenso häufig diskutiert - gehören auch Anforderungen der Familie, von Freunden, des Haushalts etc. Der Hund ist auszuführen, das Unkraut im Garten sieht den Telearbeiter anklagend an, irgendetwas muß dringend eingekauft werden, die Oma kommt zum Kaffeebesuch, ... die Liste ließe sich endlos weiterführen. Es ist wichtig, hier Strategien zu entwicklen und sie zu befolgen! Ein Beispiel dafür: Jeden Vor- und Nachmittag werden Zeiten festgelegt (z.B. zwischen 9.00 und 12.00 und zwischen 14.00 und 17.30), die tabu für all diese Anfechtungen sind. Grundsätzlich erfolgt keine Reaktion auf Telefon- oder Türklingeln, keine Arbeit im Haushalt wird übernommen, etc. Allen Freunden und der Familie sind diese Zeiten bekanntzumachen: So zeigt es sich auch, ob die eigene Arbeit von anderen ernstgenommen - oder als lukratives, aber eher spielerisches Hobby angesehen wird. Ein weiteres Beispiel wäre die Anmietung eines von der Wohnung getrennten Büros.

Arbeitsdisziplin - so negativ sich dieses Wort auch anhören mag - ist der Schlüssel zur effektiven Nutzung aller Ressourcen. Das gilt nicht nur in den schon aufgezählten Formen, sondern auch darin, daß man ständig kritisch die eigene Arbeit prüft. Wäre ich selbst der Auftraggeber: Würde mich das Produkt/der Dienst zufriedenstellen? Nur erstklassige Arbeit kann sich auf Dauer gegen den Mitbewerb durchsetzen. Arbeitdisziplin bedeutet schließlich auch eine ständige Kosten/Nutzen-Analyse. Jeder Auftrag muß ein vernünftiges Verhältnis von Honorar einerseits und Aufwand (Zeit, Materialien, Recherchekosten, etc.) andererseits bieten. "Sonderangebote" sollten Ausnahmefälle bleiben. Honorarvergleiche im Wettbewerb schützen davor, unwissentlich die Preise zu verderben. Zu den meisten Telearbeiten lassen sich - online oder nicht - Gruppierungen von Personen finden, die ähnliche Arbeiten ausführen und mit denen ein Erfahrungsaustausch stattfinden kann: In CompuServe z.B. neben dem Work from Home Forum auch im JForum, in PRSIG-Forum oder einfach im GerNet-Forum oder Deutschland online Forum.

Zum Image: Der selbständige Telearbeiter ist auch gleichzeitig Repräsentant seines Unternehmens. Für Auftraggeber ist das Vertrauen in die Firma, von der er die Erfüllung der abgegebenen Arbeiten erwartet, sehr wichtig. Altkunden sind einfach mit der Qualität der abgelieferten Aufträge zu beeindrucken. Für mögliche Neukunden aber zählt zunächst das Image. Künftige Telearbeiter müssen sich daher frühzeitig Gedanken zu diesem Thema machen: Wie ist mein persönliches Auftreten? Brauche ich Visitenkarten, Briefbögen, Informationsmaterialien? Ist eine eigene - vom privaten Anschluß getrennte - Telefonnummer für mein Unternehmen sinnvoll? Empfange ich Kundenbesuch: Wie sieht meine Wohn- und Arbeitsumgebung aus in der sich der Kunde wohlfühlen soll?

Die technischen Voraussetzungen hängen stark von der Natur der angestrebten Arbeit ab. Die Schlagworte Computer und Kommunikation sind ganz verschieden zu realisieren: Ein Grafiker, der per Telearbeit einen DTP-Dienst anbietet, arbeitet vielleicht gern mit einem Apple MacIntosh, auf dem Quarck XPress läuft. Ein Information-Broker schwört auf seinen IBM kompatiblen 80486DX mit spezieller Kommunikations-Software. Die ständige Erreichbarkeit ist in vielen Bereichen der Telearbeit sehr wichtig: Neben einem oder mehreren Telefonanschlüssen ist also ein Anrufbeantworter nötig. Faxe können zwar auch per Computer versandt, aber selten empfangen werden. Zudem sind in manchen Sparten oft Skizzen, Bilder oder handschriftliche Mitteilungen zu versenden. Ein Faxgerät - evtl sogar mit dem Computer verbunden - gehört daher ebenfalls zu den technischen Voraussetzungen. Die nächste Folge dieser Serie wird sich detailliert mit diesen Fragen auseinandersetzen und auch untersuchen, wann man sich mit dem herkömmlichen analogen Telefonnetz begnügt oder wann der Einsatz eines ISDN-Anschlusses sinnvoll ist.


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Die Neudefinition von Arbeit

Thomas von Aquin meinte, gut zu leben heißt gut zu arbeiten. Matthew Fox erläutert in seinem Buch "The Reinvention of Work" auf provokante Weise, was damit gemeint ist. Die Natur der Arbeit in unserer Gesellschaft müsse neu definiert werden, sagt er, die Entfremdung von Leben und Lebensunterhalt sei aufzuheben. Telearbeit bietet hier eine Chance: Das private und das Arbeitsleben können miteinander verschmelzen. Tatsächlich ist es oft die Kluft zwischen diesen beiden, die zu Streß, zu Unzufriedenheit oder gar Krankheit führt. Unsere Wertvorstellungen, unsere Wünsche, reflektiert in der Arbeit, die wir tun: Es gibt nur wenige Möglichkeiten, dies so weitgehend zu realisieren wie in selbstbestimmter Arbeit zu Hause.


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Quellen:

- Presse- und Informationsamt der Bundesregierung: Almanach der Bundesregierung 1993/94, Bonn 1993
- Betsy Brill: Workplace without walls (CompuServe, Work from Home Forum, Lib.1)
- M. Klems: Informations-Broking (Bonn 1994)
- R.Kreibich: Zukunft der Telearbeit (IZT, Berlin 1993)
- P. und S.Edwards: List of the Best Home Businesses 1993 (CompuServe, s.o.)


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